Warum wir im Internet nie wieder alleine sind
Es ist ein sonniger Vormittag, als Sie beschließen, einen Artikel zu lesen. Ein simpler Wunsch, so scheint es. Sie öffnen den Browser, tippen die URL ein oder klicken auf einen Link, den Ihnen jemand geschickt hat: jemand, dem Sie vertrauen, der gesagt hat: „Das musst du lesen.“ Doch kaum hat die Seite geladen, beginnt der Kampf gegen die Algorithmen der Aufmerksamkeit. Sie sind nicht mehr Leser. Sie sind Ressource.
Experten sind sich einig: Ein Schließen-Button ist heutzutage oft nur eine kurze Atempause vor der nächsten Aufforderung. Wer glaubt, mit einem Klick auf das „X“ Ruhe zu finden, hat die Rechnung ohne den 5-Sekunden-Intervall-Timer gemacht. Denn das moderne Web hat verstanden: Wer wartet, gewinnt. Und Websites warten sehr geduldig.
Die moderne Nachrichtenseite ist ein Ökosystem aus Erwartungen: Ihre Aufmerksamkeit ist die Währung, Ihre E-Mail-Adresse das Gold, Ihr Cookie-Profil das Öl des 21. Jahrhunderts. Und wie beim echten Öl gilt: Es gehört nie wirklich Ihnen, auch wenn es von Ihnen stammt.
Und so scrollen Sie weiter, hoffnungsvoll, dass der eigentliche Artikel irgendwo unter den Anzeigen, Overlays und Newsletter-Aufforderungen noch existiert. Er tut es. Meistens. Zwischen dem dritten und vierten Werbebanner, unterhalb der „Mehr dazu“-Empfehlungen, knapp oberhalb des automatisch abspielenden Videos, das Sie nicht geöffnet haben.
„Das menschliche Gehirn unterscheidet zwischen Klick-Reflex und Leseabsicht kaum noch.“
(Prof. Dr. A. Dblock, Institut für Digitale Reizüberflutung, Mannheim)
Dabei ist das Phänomen nicht neu. Bereits in den frühen 2000er Jahren experimentierten die ersten Nachrichtenportale mit Pop-up-Fenstern: kleinen, harmlosen Rechtecken, die man wegklicken konnte, ohne seine Würde zu verlieren. Was folgte, war eine evolutionäre Rüstungsspirale: Browser entwickelten Blocker, Websites entwickelten Blocker-Erkenner, und irgendwo dazwischen verlor der Nutzer seinen Lesefluss, und manchmal auch den Willen zur Information überhaupt.
Heute hat sich die Kunst verfeinert. Man nennt es „User Experience“, obwohl die Erfahrung des Users darin besteht, systematisch von seinem Ziel abgelenkt zu werden. Dark Patterns, so heißen die kleinen Designtricks, die dafür sorgen, dass der „Ablehnen“-Button grau und winzig ist, während „Alles akzeptieren“ in strahlendem Rot leuchtet. Als würde die Ampel nur noch eine Farbe kennen, und die wäre immer im Interesse der Werbeindustrie.
Besonders beliebt ist die sogenannte „Guilt-Trip-Strategie“: Wer den Newsletter nicht abonnieren möchte, klickt auf „Nein danke, ich mag keine guten Inhalte.“ Wer Cookies ablehnt, liest: „Sie entscheiden sich gegen ein optimales Erlebnis.“ Wer das Fenster schließt, ohne zu spenden, wird daran erinnert, dass irgendwo ein Redakteur seine Familie nicht mehr ernähren kann. Das Ziel ist klar: nicht Information, sondern Kapitulation. Und erschöpfte Menschen kapitulieren schnell.
Was bleibt am Ende dieses digitalen Hindernislaufs? Eine Studie der Universität Dortmund (die wir nicht verlinken, weil der Klick uns nichts bringt) zeigt, dass der durchschnittliche Nutzer auf einer Nachrichtenwebsite mehr Zeit mit dem Schließen von Overlays verbringt als mit dem Lesen von Texten. Konkret: 68 Sekunden Lesen, 71 Sekunden Wegklicken. Wir nennen das in der Branche „Engagement“.
Und doch kehren wir zurück. Jeden Morgen, mit dem Telefon in der Hand, noch bevor der erste Kaffee fertig ist. Wir scrollen durch Schlagzeilen, die uns erschrecken sollen, durch Angebote, die wir nicht brauchen, durch Meinungen, die uns wütend machen, weil Wut klickt. Trauer klickt. Empörung klickt. Neugier klickt. Alles klickt, außer Zufriedenheit. Die klickt leider nicht.
„Zufriedene Nutzer generieren kaum Werbeeinnahmen.“
(Anonyme Quelle aus dem Silicon Valley, aus Angst um ihren Job nicht namentlich genannt)
Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht, die man zwischen all den Bannern lesen kann, wenn man lang genug schaut: Das Internet, wie es heute existiert, ist kein Ort zum Lesen. Es ist ein Ort zum Reagieren. Zum Konsumieren. Zum Verweilen, aber nie zur Ruhe zu kommen. Und irgendwo auf einem Server in Irland speichert gerade ein Algorithmus, dass Sie diesen Satz bis zu Ende gelesen haben. Das ist jetzt Teil Ihres Profils.
Guten Morgen.
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