Von Hand gebaut
Es ist gar nicht so lange her, da stolperte ich beim morgendlichen Scrollen durch Hacker News über einen Artikel, der mich sofort ansprach. Das Thema war brisant und hochaktuell: Claude is not your architect. Eine Warnung davor, dass Claude, das Sprachmodell von Anthropic, klammheimlich immer größere Teile des industriellen Designs übernimmt. Der Autor zeichnete ein düsteres Bild von einer Welt, in der menschliche Kreativität im Engineering-Bereich durch automatisierte Algorithmen ersetzt wird.
Die Argumente waren schlüssig, die Struktur wirkte auf den ersten Blick professionell. Doch beim Lesen überkam mich schnell ein ungemütliches Gefühl. Kennst du das, wenn ein Text zwar grammatikalisch perfekt ist, sich aber trotzdem irgendwie „falsch" anfühlt? Ich schaute genauer hin.
Da waren sie: Em-Dashes en masse. Fast jeder zweite Satz wurde von diesen langen Strichen unterbrochen. Dazu kamen seltsame, fast unmerkliche Gedankensprünge zwischen den Absätzen. Phrasen wiederholten sich in leicht abgewandelter Form, und der Text plätscherte in einer permanenten, künstlich aufgeblasenen Epik dahin. Die Ironie war perfekt: Ein Artikel, der vor der Übernahme der Industrie durch KI warnt, war offensichtlich selbst komplett von einer KI generiert worden.
Ich dachte mir: „Gut, das merken die Tech-Gurus auf Hacker News ja sofort." Immerhin tummeln sich dort die klügsten Köpfe der IT-Welt. Ich scrollte durch die Kommentare, um die hämischen Reaktionen zu lesen. Doch stattdessen fand ich: Nichts. Ernsthafte Diskussionen über den Inhalt. Ich setzte mein eigenes Zeichen.
Wenn selbst die klügsten Köpfe den Unterschied zwischen menschlicher Feder und Algorithmus nicht mehr wahrnehmen, haben wir im Internet einen Wendepunkt erreicht. Wir konsumieren tagtäglich Inhalte, ohne zu wissen, ob dahinter echte Kreativität oder nur eine gut trainierte Prompt-Antwort steckt.
Genau dieses Gefühl der Intransparenz hat mich nachhaltig zum Nachdenken gebracht. Um nicht selbst Teil dieses anonymen Rauschens zu werden, möchte ich einen anderen Weg gehen. Es ist an der Zeit, für Klarheit zu sorgen und deshalb lege ich hiermit offen, wie ich persönlich im Alltag mit KI umgehe.
Der Code: Warum mein Footer kein Lügner ist
Wenn du auf meine Webseite gehst und ganz nach unten links scrollst, findest du dort einen Satz, den ich mit Bedacht gewählt habe: „Mit Sorgfalt von Hand gebaut".
Ich nehme diesen Satz verdammt ernst. Gleichzeitig muss ich aber auch ehrlich sein: Das bedeutet nicht, dass ich im Jahr 2026 komplett auf künstliche Intelligenz verzichte. Für mich sagt dieser Satz aus, dass diese Website nicht autonom von irgendwelchen KI-Agenten erstellt wurde. Es gibt da draußen Tools, bei denen drückt man auf einen Knopf, tippt ein: „Mach mir eine Portfolio-Seite für einen Entwickler", und schwupps: spuckt das System eine fertige, seelenlose Seite aus.
Das ist nicht mein Weg.
Ich gehe mit KI im Grunde genau so um, wie ich damals mit StackOverflow oder Google umgegangen bin. Wenn ich beim Programmieren an einem Punkt bin, an dem ich einfach nicht weiter weiß, dann frage ich eines der Modelle.
Welches Modell ich nutze? Das ist bei mir reine Gefühlssache und eine Frage der verfügbaren Gratis-Tokens. Wenn das Kontingent bei Modell A aufgebraucht ist, ziehe ich eben weiter zu Modell B. Trotz der Tatsache, dass ich die KI hin und wieder um Rat frage und den von ihr erzeugten Quellcode auch manchmal 1:1 übernehme, steht unten links auf meiner Seite trotzdem eben jener Satz.
Ich höre die Kritiker schon rufen: „Ey! Du sagst, es ist von Hand gebaut, aber nutzt doch KI? Verräter!" Aber mal ganz im Ernst: Haben wir damals, als wir nächtelang Foreneinträge durchforstet haben, „Mit Hilfe von Google gebaut" in unseren Footer gepackt? Nein. Der kreative Kopf, die Architektur und das Zusammensetzen der Puzzleteile. Bei mir bleibt das Handarbeit.
Die Übersetzungen: KI als mein persönlicher Brückenbauer
Ein weiterer Punkt, an dem mir die KI unfassbar viel Arbeit abnimmt, sind die Übersetzungsarbeiten. Meine Webseite ist zweisprachig aufgebaut. Früher war das ein absolutes Chaos. Da mein Gehirn je nach Tagesform und konsumierten Medien mal auf Deutsch und mal auf Englisch läuft, war meine Seite ein bunt durchgemischter Flickenteppich. Das wirkte unprofessionell und unstrukturiert.
Heute sieht mein Workflow so aus: Ich suche mir für jeden Text erst einmal eine Ausgangssprache aus, meistens Deutsch, weil ich mich darin am präzisesten ausdrücken kann. Wenn der Text steht, lasse ich ihn mir von der KI „wortgemäß" übersetzen. Das Schöne an modernen LLMs im Vergleich zu alten Übersetzungstools ist, dass sie den Kontext verstehen. Sie übersetzen nicht nur stumpf Wörter, sondern transportieren den Tonfall. Die KI fungiert hier als Brücke, die meine Gedanken für ein internationales Publikum zugänglich macht, ohne dass der ursprüngliche Vibe verloren geht.
Die Blogs: Roher Gedankensturm trifft auf den Steinmetz
Kommen wir zu den Blogs und damit auch zu diesem Text, den du gerade liest. Ich behaupte felsenfest: Meine Blogs sind immer noch von Hand geschrieben. Aber auch hier kommt die KI zum Einsatz, und zwar als mein persönlicher Steinmetz.
Wenn ich eine Idee für einen Blogpost habe, tippe ich einfach drauf los. Ich kümmere mich nicht um Grammatik, Zeichensetzung oder geschmeidige Übergänge.
- Ich formuliere meine Texte im ersten Entwurf mit immens vielen Schreibfehlern.
- Da sind Formulierungen dabei, die glatt von einem Sechsjährigen stammen könnten.
- Ich werfe mit kreativen, bunten und manchmal völlig absurden Metaphern um mich.
Irgendjemand muss ja mein kreatives Chaos dokumentieren.
Das Ergebnis ist ein roher, wilder Haufen Text. Meistens so um die 4.000 bis 6.000 Zeichen. Diesen digitalen Matsch nehme ich, werfe ihn in ein Modell meiner Wahl und gebe dem System eine ganz klare, strikte Anweisung:
„Nimm diesen Text. Zielvorgabe: mindestens 10.000 Zeichen."
Die KI nimmt also meine Rohmasse und zieht sie in die Länge, baut elegante Satzstrukturen und sorgt für den nötigen Textumfang. Was dabei herauskommt, darf man natürlich niemals ungefiltert veröffentlichen. Deshalb lese ich das Ganze immer noch einmal extrem gründlich gegen, korrigiere nach und drücke dem Text meinen finalen Stempel auf.
Was ich hingegen auf gar keinen Fall jemals machen werde: „Gib mir 10 Ideen für coole Blogposts" oder „Formuliere mir ein Thema aus dem Nichts auf 10.000 Wörter aus." Das ist für mich die rote Linie. Die Inhalte, die Ideen, die Core-Gedanken sind und bleiben menschlich. Die KI ist mein Werkzeug, nicht mein Ghostwriter.
Eine kleine Beerdigung für den Gedankenstrich
Beim Korrigieren dieser von der KI ausformulierten Texte ist mir in letzter Zeit eine Sache extrem aufgefallen, die mich zu einer radikalen Änderung gezwungen hat: Ich ersetze mittlerweile systematisch alle En-Dashes und Em-Dashes durch andere Satzzeichen.
Warum? Weil diese Striche mittlerweile das absolute Brandzeichen für KI-Texte geworden sind. Die Sprachmodelle haben sie in den letzten Jahren einfach viel zu inflationär verwendet. Wenn du heute einen deutschen Text siehst, der alle zwei Zeilen einen eleganten Gedankenstrich nutzt, schlägt der interne KI-Detektor sofort an. Das finde ich persönlich wahnsinnig schade.
Ich mochte den En-Dash wirklich sehr. Früher habe ich ihn extra gegoogelt und per Copy-and-Paste in meine Texte eingefügt, weil er im Schriftbild einfach schöner aussieht als der plumpe, kurze Bindestrich. Später lernte ich dann den Shortcut kennen: Unter Windows mit WIN + -.
| Zeichen | Name | Breite | Ursprung |
|---|---|---|---|
| - | Bindestrich / Viertelgeviertstrich | Sehr kurz | Trennung & Kopplung |
| – | En-Dash / Halbgeviertstrich | Breite eines großen N | Gedankenstrich, Bis-Strich |
| — | Em-Dash / Geviertstrich | Breite eines großen M | Starker Gedankensprung |
Der En-Dash (–) heißt so, weil er in der traditionellen Typografie exakt die geometrische Breite eines großen Buchstabens „N" hat, gleiches beim Em-Dash (—) für „M". All diese schönen Fun Facts werden nun langsam in der Vergessenheit geraten, weil dieses wunderschöne Symbol heute eines der eindeutigsten Indizien für seelenlose KI-Texte ist. Es wurde von den Algorithmen korrumpiert. Nehmt diesen Paragraphen also bitte als eine kleine, traurige Beerdigung für meinen geliebten Gedankenstrich.
Fazit: Für eine neue Kultur der Ehrlichkeit im Netz
Ich bin kein Extremist. Ich erwarte überhaupt nicht, dass jetzt jeder panisch „Erstellt mit Hilfe von KI" in seine Website klatscht, nur weil er ein Modell mal kurz nach einem Synonym gefragt hat.
Was ich aber einfordere, ist ein gewisses Maß an grundlegender Ehrlichkeit, sobald jemand auf den großen, roten „Veröffentlichen"-Button klickt. Ich möchte im Internet gerne wissen, wo ein Mensch noch aktiv beteiligt war und wo nicht. Ich möchte, dass wieder ein Bewusstsein für den Wert von Gedanken entsteht.
So hart das auch klingen mag: Ich möchte, dass sich Leute wieder ein Stück weit schämen, wenn sie einen rein KI-generierten, ungeprüften Text einfach so ins Netz rotzen, nur um SEO-Traffic abzugreifen oder Content-Volumen vorzutäuschen.
Wir müssen im Internet dringend eine Kultur fördern, bei der beim Erstellen von Inhalten der Mensch im Loop bleibt. Ein Text sollte das Produkt eines menschlichen Geistes sein, der sich Werkzeuge zunutze macht, um sich besser auszudrücken. Nicht das Produkt einer Maschine, die versucht, das menschliche Denken komplett zu simulieren, während der eigentliche „Autor" nur noch die Klicks zählt. Denn heutzutage ist das, was ohne Sinn und Verstand generiert wird, kein echter Inhalt mehr. Es ist nur noch digitaler Lärm.
Bleiben wir also menschlich. Mit all unseren Schreibfehlern, unseren schrägen Metaphern und unserem eigenen, unperfekten Stil.
*~ Dieser Blogpost entstand aus ursprünglich 6.988 Zeichen, die mit viel Herzblut, Tippfehlern und echten Gedanken von Hand getippt wurden.
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