Der „Projektfriedhof” bekommt ein neues Denkmal
Man sagt, Schuster haben die schlechtesten Leisten. In der IT-Welt ist das oft nicht anders: Wir verbringen den ganzen Tag damit, komplexe Architekturen zu planen, Datenbanken zu optimieren oder Code-Reviews für andere durchzuführen, während die eigene digitale Präsenz irgendwo zwischen einer veralteten „Under Construction"-Seite von 2018 und einem verwaisten GitHub-Profil vor sich hin staubt.
Als Dozent für IT-Umschulungen stehe ich täglich vor Menschen, die ihr Leben umkrempeln wollen. Ich bringe ihnen bei, wie man Systeme versteht, wie man Probleme löst und wie man in einer Welt voller Nullen und Einsen eine berufliche Heimat findet. Doch vor kurzem stellte ich fest: Ich hatte gerade kein aktives Side-Project. Und für jemanden, der IT nicht nur als Job, sondern als Leidenschaft begreift, ist Stillstand ein ziemlich unbequemes Gefühl.
Hier ist die Geschichte, warum ich mich dazu entschieden habe, das nächste Grab auf meinem „Projektfriedhof" auszuheben oder vielleicht diesmal ein Fundament für die Ewigkeit zu legen.
Die Anatomie meines Projektfriedhofs
Bevor wir darüber sprechen, was diese neue Website ist, müssen wir darüber sprechen, was sie nicht ist. Sie ist nicht meine erste. Wenn ich ehrlich bin, ist sie wahrscheinlich eher Nummer 15 oder 20.
Mein digitaler Dachboden ist voll von Leichen:
- Die Portfolio-Seite von 2015 (noch mit viel zu viel jQuery).
- Der Blog über Linux-Server-Absicherung, der genau zwei Artikel hat.
- Das „Revolutionäre" Task-Management-Tool, das bei der Datenbankmodellierung stecken geblieben ist.
- Drei verschiedene Versuche, ein eigenes CMS zu schreiben, nur um dann doch wieder bei statischen Generatoren zu landen.
Warum erzähle ich das? Weil dieser Projektfriedhof kein Zeichen des Scheiterns ist. In der IT ist ein abgebrochenes Projekt oft wertvoller als ein fertiggestelltes Tutorial. Man lernt beim Scheitern, beim Refactoring und sogar beim finalen „rm -rf". Aber dieses Mal war der Antrieb ein anderer. Ich wollte nicht nur spielen; ich wollte einen Nutzen stiften, der über den reinen Lerneffekt hinausgeht.
Sichtbarkeit in einer Welt voller Rauschen
Als Dozent predige ich meinen Umschülern immer wieder die Bedeutung des Personal Brandings. In einer Branche, die händeringend Fachkräfte sucht, aber gleichzeitig hohe Ansprüche an die Qualität stellt, reicht ein Lebenslauf als PDF oft nicht mehr aus.
Wer bist du im Netz? Was ist deine „Proof of Work"?
Indem ich mir diese Website erstelle, praktiziere ich, was ich lehre. Ich möchte sichtbar sein, nicht nur als Name auf einem Honorarvertrag, sondern als Experte mit Meinung, Stil und einer klaren Methodik. Sichtbarkeit bedeutet:
- Authentizität: Man sieht, wie ich Code strukturiere und wie ich komplexe Themen erkläre.
- Referenzpunkt: Wenn ein potenzieller Partner oder ein neugieriger Schüler wissen will, wie ich ticke, findet er hier die Antwort.
- Archivierung: Wissen, das ich nicht aufschreibe, geht im Alltagsrauschen verloren.
Die Website als „Extended Classroom"
Der Hauptgrund für dieses spezifische Projekt ist jedoch mein Alltag in der IT-Umschulung. Umschüler sind eine besondere Zielgruppe: Sie bringen Lebenserfahrung mit, haben oft wenig Zeit und müssen in Rekordzeit eine enorme Menge an Stoff bewältigen.
Oft merke ich im Unterricht, dass Standard-Lehrwerke entweder zu abstrakt oder zu oberflächlich sind. Ich brauche Inhalte, die genau auf meine Didaktik zugeschnitten sind.
Wissen auf Knopfdruck
Statt jedes Mal dieselbe Erklärung für die Funktionsweise von DNS oder das MVC-Pattern an das Whiteboard zu zeichnen, möchte ich auf meine eigenen interaktiven Artikel verweisen können. Die Website dient mir als digitales Depot für:
- Cheat Sheets: Kompakte Zusammenfassungen für Linux-Befehle oder SQL-Queries.
- Best Practices: „Wie setze ich eine Git-Struktur auf, ohne wahnsinnig zu werden?"
- Fehlersuche: Eine Sammlung der häufigsten „Stolperfallen", die mir in den Umschulungsprojekten begegnen.
Wenn ein Schüler fragt: „Haben Sie dazu Unterlagen?", möchte ich nicht auf ein 800-seitiges Fachbuch verweisen, sondern sagen: „Schau auf meine Seite, da habe ich ein interaktives Beispiel dazu gebaut." Das erhöht die Qualität meines Unterrichts massiv.
Die „Side-Project-Dürre" überwinden
Jeder ITler kennt das: Man ist im Job eingespannt, die Projekte sind groß, zäh und oft von Legacy-Code geprägt. Man verliert den Kontakt zum „frischen" Stack. Side-Projects sind das Fitnessstudio für den Verstand.
Ohne Side-Project rostet man ein. Man vergisst, wie es sich anfühlt, ein Projekt von git init an aufzubauen. Man verlernt das Treffen von Architekturentscheidungen, weil im Job meistens schon alles vorgegeben ist. Diese Website war meine Kur gegen die mentale Trägheit. Ich musste mich entscheiden:
- Welches Framework nutze ich? (Next.js? Astro? Oder doch ganz puristisch?)
- Wie hoste ich das Ganze automatisiert? (CI/CD-Pipelines sind auch für kleine Seiten Pflicht!)
- Wie gehe ich mit Barrierefreiheit und Performance um?
Dieses Projekt ist mein Testlabor. Alles, was ich hier ausprobiere, sei es ein neuer CSS-Ansatz oder eine Edge-Function, fließt direkt als Erfahrungswert zurück in den Unterricht.
Das „Dozenten-Dilemma": Theorie vs. Praxis
Es gibt ein böses Vorurteil: „Wer es kann, der macht es. Wer es nicht kann, der lehrt es." Ich hasse diesen Satz.
Gute Lehre in der IT ist nur möglich, wenn man selbst „im Dreck spielt". Wer nur aus Büchern zitiert, verliert den Respekt der Schüler, sobald die erste Fehlermeldung auftaucht, die nicht im Skript steht. Durch meine Website zeige ich, dass ich die Werkzeuge, die ich unterrichte, auch selbst beherrsche. Ich bin nicht nur derjenige, der die Theorie von HTTP-Statuscodes erklärt, sondern auch derjenige, der die Serverkonfiguration dahinter im Griff hat.
Was dich hier erwartet (Und was nicht)
Dies ist kein Hochglanz-Magazin. Es ist ein lebendiges Dokument. Ich plane, hier drei Säulen zu etablieren:
- Deep Dives für Umschüler: Artikel, die dort ansetzen, wo die Standard-Lehrpläne aufhören. Praxisnah, ehrlich und manchmal auch mit einer Prise Humor über die Tücken der Technik.
- Gedanken zur IT-Didaktik: Wie lernt man heute eigentlich Programmieren? Reicht ChatGPT aus? (Spoiler: Nein, aber es hilft).
- Technische Experimente: Dokumentationen meiner kleinen „Laborversuche".
Was du hier nicht finden wirst: Perfektionismus. Der war der Grund für die Größe meines Projektfriedhofs. Das Motto lautet: „Besser fertig als perfekt." Wenn ein Artikel nur zu 80% fertig ist, aber jemandem beim Verständnis von Docker-Containern hilft, dann geht er online.
Fazit: Ein neues Zuhause
Warum habe ich mir also diese Website erstellt? Weil ich als Dozent eine Verantwortung habe, am Puls der Zeit zu bleiben. Weil ich meinen Schülern ein Vorbild in Sachen digitaler Selbstvermarktung sein will. Und vor allem, weil ich den Drang habe, Dinge zu erschaffen, anstatt sie nur zu konsumieren.
Vielleicht wird auch diese Seite irgendwann ein Grabstein auf meinem Projektfriedhof sein. Aber bis dahin wird sie ein Werkzeugkasten sein, für mich, für meine Umschüler und vielleicht auch für dich.
Willkommen in meinem digitalen Wohnzimmer. Der Kaffee ist schwarz, der Code ist (meistens) sauber, und die Neugier ist der Motor für alles, was hier passiert.
Ein kleiner Rat an meine Schüler und Mitleser
Fangt an zu bauen. Es ist egal, ob es schon tausend andere Blogs gibt. Es ist egal, ob ihr glaubt, nichts Neues sagen zu können. Eure Perspektive, eure Art, ein Problem zu erklären, ist einzigartig. Und im schlimmsten Fall? Habt ihr eben ein neues, schönes Grab auf eurem eigenen Projektfriedhof. Man lernt bei jeder Beerdigung etwas dazu.